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... zur Gewässerstrukturgüte
Ein Gewässer ist mehr als das Wasser, das in ihm fließt: Ob Bäume an seinem Ufer stehen, die das Wasser kühl halten und Falllaub sowie Totholz zuführen, ob Ufer und Grund befestigt sind oder ob die Teil-Lebensräume an der Gewässersohle der natürlichen Vielfalt entsprechen, prägt das Vorkommen von Tieren und Pflanzen mindestens genauso wie die Beschaffenheit des Wassers. Die Lebewesen brauchen zum (Über-)Leben nicht nur sauberes Wasser, sondern vieles andere mehr: z. B. Nahrung (darunter Laub und Holz), Versteckplätze, Paarungsorte und Kinderstuben. Alle diese „Strukturen" müssen dem natürlichen Vorbild eines Tiefland- oder Mittelgebirgsbaches entsprechend vorhanden sein, um eine typische, anspruchsvolle und vielfältige Lebenswelt zu ermöglichen.
Die Erkenntnis der Bedeutung von natürlichen Gewässerstrukturen für die Tier- und Pflanzenwelt und letztlich auch für die ökologische Funktionalität der Fließgewässer ist nicht neu. Bereits in den siebziger Jahren entstanden erste methodische Ansätze, Gewässerstrukturen systematisch zu erfassen und zu bewerten. In der Mitte der achtziger Jahre führte Nordrhein-Westfalen dann als eines der ersten Bundesländer eine „amtliche" Anleitung zur Gewässerbewertung ein.
Erst mit der Einführung eines allgemeinverbindlichen Verfahrens zur Kartierung der „Gewässerstrukturgüte in Nordrhein-Westfalen" wurde jedoch eine großräumige und vergleichende Bewertung der Fließgewässer möglich. So wurden im Auftrag der Staatlichen Umweltämter Nordrhein-Westfalens seit 1998 landesweit Gewässerstrukturgütekartierungen wasserwirtschaftlich bedeutender Bäche und Flüsse durchgeführt.
Hochwasserrückhaltebecken können bei
naturnaher Gestaltung wichtige ökologische
Funktionen am Gewässer übernehmenDas Bewertungsprinzip der Gewässerstrukturgüte beruht auf der Erkenntnis, daß vom Menschen nicht oder nur sehr gering beeinflußte Bäche und Flüsse die ökologisch wertvollsten sind. Daher wird ein weitgehend naturnaher Gewässerzustand als Bezugsgröße - als sogenanntes „gewässermorphologisches Leitbild" - herangezogen und als beste Gütestufe, die „Gewässerstrukturgüteklasse 1" definiert.
Alle durch menschliche Einflüsse verursachten Abweichungen von diesem Leitbild werden als strukturelle Defizite bewertet. Je nach Ausmaß der Strukturveränderungen wird der Gewässerzustand dann als gering beeinträchtigt (Gewässerstrukturgüteklasse 2) bis übermäßig stark geschädigt (Gewässerstrukturgüteklasse 7) eingestuft.
Strukturgüte der Herdecker BächeDie Strukturgüte der Herdecker Bäche wurde im Jahr 2003 im Rahmen des Konzeptes zur naturnahen Entwicklung der Fließgewässer (KNEF) bewertet.
Um den Grad der Naturnähe bzw. der Beeinträchtigung festzustellen, wurden die Gewässerläufe in ihrer gesamten Länge begangen und vor Ort für jeweils 100 Meter lange Gewässerabschnitte detailliert festgehalten, welche wertvollen und welche schädlichen Strukturen vorhanden sind.
Die wichtigsten Kenngrößen dieser Kartierung sind die „Laufentwicklung", das „Längsprofil", die „Sohlenstruktur", das „Querprofil", die „Uferstruktur" und das „Gewässerumfeld". Diesen „Hauptparametern" der Gewässerstruktur sind mehr als 29 Einzelfaktoren zugeordnet, anhand derer dann die Gewässerausprägung beschrieben und die Gewässerstrukturgüte bewertet werden kann.
Insgesamt wurden im Herdecker Stadtgebiet 80 Bäche mit einer Gesamtlänge von rund 48 Kilometern kartiert. Hierdurch sind für die Herdecker Bäche rund 15.000 Einzeldaten zur Gewässerstruktur erfasst und in einer Datenbank bereitgestellt worden.
Über mehrere Aggregationsstufen wird die Bewertung der Einzelparameter zu einer Bewertung des Sohlen-, Ufer- und Landbereiches des jeweiligen Gewässerabschnittes verdichtet. Die Bewertung erfolgt in 7 Gewässerstrukturgüteklassen von 1 (naturnah bzw. unverändert) bis 7 (übermäßig geschädigt bzw. vollständig verändert).
Die annähernd flächendeckende Gewässererfassung zielt darauf ab:
- den aktuellen Gewässerstrukturgütezustand zu erfassen,
- Strukturgüteziele zu formulieren, die anzustreben oder zu sichern sind,
- geplante Wasserbaumaßnahmen, Gewässerunterhaltungen, Ausgleichsmaßnahmen und Eingriffe zu bewerten,
- die Effizienz von Gewässerentwicklungs- und Gewässerrückbaumaßnahmen nachzuweisen.
Die Ergebnisse der Kartierung sind in folgender Gewässerstrukturgütekarte farbig dargestellt.
Die hier gewählte „Farbbanddarstellung" ähnelt den Gewässergütekarten stark (was nicht zu Verwechselungen führen sollte).
Wie schon zur Darstellung unterschiedlicher Wasserqualitäten wird auch für die Strukturgütestufen ein Farbcode verwendet. In gewohnter Weise bedeuten dabei die Farben Dunkelblau, Hellblau und Dunkelgrün sehr gute bis zufriedenstellende Verhältnisse. Hellgrün zeigt eine Übergangsstufe an. Und die Farben Gelb, Orange und Rot signalisieren, dass die Gewässerstruktur merklich bis übermäßig stark geschädigt ist.
In einer Gesamtschau der Herdecker Bäche lassen sich folgende Verteilungsschwerpunkte erkennen.
Es zeigt sich, dass die bewaldeten Ruhrzuflüsse am Hengsteysee und im Westen des Stadtgebietes einschließlich des Selmkebaches überwiegend naturnah bis bedingt naturnah sind.
Der Unter- und Mittellauf des Herdecker Baches und die Unterläufe des Siepens Schanze, des Ender Mühlenbaches und des Kirchender Baches liegen in dicht besiedelten Bereichen und sind über lange Strekken verrohrt. Ihre Gewässerstruktur ist daher auf weiten Strecken stark bis übermäßig geschädigt.
Das Umland des Kermelbaches, des Ostender Baches sowie der Oberläufe von Kirchender Bach, Ender Mühlenbach und des Siepens Schanze ist dagegen überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Die Gewässer sind meist unverbaut, jedoch häufig begradigt und zu Teichen aufgestaut.
Die angrenzenden Flächen sind vielfach als Grünland genutzt, Gewässerrandstreifen fehlen zum großen Teil. Die Gewässerstruktur wird daher meist als deutlich bis merklich geschädigt bewertet.
Die nebenstehende Abbildung zeigt die Anteile der sieben Strukturgüteklassen für die Bereiche Sohle, Ufer und Land.
Aus der Abbildung wird deutlich, dass insgesamt relativ hohe Anteile naturnaher Gewässer in Herdecke existieren. Diese haben ihren Schwerpunkt im Westen des Stadtgebietes. Meist liegen sie in bodenständigem Wald, daher sind die Anteile der Gewässerstrukturgüteklasse 1 bei Sohle, Ufer und Land annähernd gleich.
Ebenfalls hohe Anteile haben die naturfernen Gewässer. Es handelt sich dabei vor allem um den vollständig ausgebauten Abschnitt im Unterlauf des Herdecker Baches sowie um verrohrte Strecken. Der Anteil der Strukturgüteklasse 7 beim Land ist deutlich geringer als bei Sohle und Ufer, da verrohrte Strecken beispielsweise auch in Grünlandflächen existieren, die besser bewertet werden als Siedlungsbereiche.
.Abb. 4: Gewässerstrukturgüteklassenverteilung der Herdecker Bäche
Abb. 5: Beispielfotos [2] Strukturgüteklasse 7 (oben) und Strukturgüteklasse 1 (unten)
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Umweltbericht Herdecke 2004 www.herdecke.de |
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